Große Pflegereform 2017: Was bedeutet das?

Pflegereform 2017 / Pflegestärkungsgesetz II - Foto: fotolia.com / © Sir_Oliver

Bisher bezog sich Pflegebedürftigkeit insbesondere auf körperliche Beeinträchtigungen. Dieser Umstand wurde pflegebedürftigen Personen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen jedoch nur teilweise gerecht. Seit 1. Januar gilt das neue Pflegestärkungsgesetz (II und III), das zu großen Änderungen und enormen Auswirkungen auf die Pflege führt. Hier ein kurzer Überblick über die Neuerungen bei dem sehr komplexen Thema Pflege.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff

Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff erhalten nunmehr auch demenziell erkrankte Menschen sowie Personen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen einen gleichberechtigten Zugang zu Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Ein neues Begutachtungsinstrument soll hierbei als Grundlage dienen. Pflegebedürftigkeit wird sich so zukünftig nicht mehr danach orientieren, wieviel Zeit eine Person täglich an Hilfe benötigt. Vielmehr wird es darum gehen, inwiefern der Alltag noch selbständig gemeistert werden kann, welche Fähigkeiten noch vorhanden sind und auf welche professionelle Unterstützung Betroffene dabei angewiesen sind. Konkret geht es weg von der Minutenpflege, hin zu Pflegegraden. Wie pflegebedürftig jemand ist, spiegelt sich somit nicht länger in drei Pflegestufen, sondern in fünf Pflegegraden wieder.

Erklärvideo des Gesundheitsministeriums

Überleitung von Pflegestufen auf Pflegegrade

Die Überleitung für bestehende Pflegefälle erfolgt automatisch, ohne dass erneut ein Antrag gestellt werden muss. Wer ausschließlich unter körperlichen Beeinträchtigungen leidet, wird von der bisherigen Pflegestufe in den nächsthöheren Pflegegrad gestuft, etwa von Pflegestufe I auf Pflegegrad 2. Bei eingeschränkter Alltagskompetenz wird sogar ein Pflegegrad übersprungen, so wird aus Pflegestufe I nunmehr Pflegegrad 3. Eine Bestandsschutzregelung gewährleistet, dass Betroffene nicht schlechter gestellt werden. Im Gegenteil: Der Leistungsumfang wird sich für viele sogar verbessern. Was sich natürlich auch auf die Ausgaben der Pflegekassen auswirken wird.

Übersicht was sich alles geändert hat


Pflegestufe vs. neue Pflegegrade

    Alt: Pflegestufe unterhalb I (so genannte „Pflegestufe 0“)

 

Neu: Pflegegrad 2

      „Erhebliche Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe I

 

Neu: Pflegegrad 2

      „Erhebliche Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe I mit eingeschränkter Alltagskompetenz

 

Neu: Pflegegrad 3

      „Schwere Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe II

 

Neu: Pflegegrad 3

      „Schwere Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe II mit eingeschränkter Alltagskompetenz

 

Neu: Pflegegrad 4

      „Schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe III

 

Neu: Pflegegrad 4

      „Schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“

 

    Alt: Pflegestufe III mit eingeschränkter Alltagskompetenz

 

Neu: Pflegegrad 5

      „Schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“

 

    Alt: Härtefall

 

Neu: Pflegegrad 5

 

      Hinweis: Die Überleitung in Pflegegrad 1 ist nicht möglich, da dieser Personenkreis erstmals in 2017 Anspruch auf Pflegeleistungen hat.

 

 


Punkte für Pflegegrad

Pflegebedürftigkeit liegt vor, wenn der Gesamtpunktwert mindestens 12,5 Punkte beträgt. Der Grad der Pflegebedürftigkeit bestimmt sich wie folgt:

– Pflegegrad 1: 12,5 bis unter 27 Punkte (geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten)

– Pflegegrad 2: 27 bis unter 47,5 Punkte (erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten)

– Pflegegrad 3: 47,5 bis unter 70 Punkte (schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten)

– Pflegegrad 4: 70 bis unter 90 Punkte (schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten)

– Pflegegrad 5: 90 bis 100 Punkte (schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten mit besonderen
Anforderungen an die pflegerische Versorgung)

Pflegebedürftige, deren personeller Unterstützungsbedarf sehr spezifisch und außergewöhnlich hoch ausfällt und mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung verbunden ist, werden dem Pflegegrad 5 zugeordnet.


Wie findet die Einstufung statt?

Der MDK (medizinische Dienst der Krankenversicherung) beurteilt, welche Beeinträchtigungen der Fähigkeiten sowie Selbständigkeit vorliegen. Damit ändert sich das Begutachtungsverfahren grundlegend. Aus folgenden sechs Modulen ergibt sich die Einstufung in die Pflegegrade:

1. Mobilität:

    Körperliche Beweglichkeit, z. B. Treppensteigen morgens, Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs, Aufstehen vom Bett und ins Badezimmer gehen

2. Kommunikative und kognitive Fähigkeiten:

    reden und verstehen, z. B. andere Menschen im Gespräch verstehen, Risiken erkennen, Informationen und Sachverhalte begreifen, Orientierung über Zeit und Ort

3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen:

    Zum Beispiel Abwehr pflegerischer Maßnahmen, Unruhe in der Nacht oder Ängste und Aggressionen, welche für sich und andere eine Belastung darstellen

4. Selbstversorgung:

    Zum Beispiel selbständige Benutzung der Toilette, selbständig trinken und essen, sich selbständig waschen und ankleiden

5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen:

    Zum Beispiel die Fähigkeit haben, den Arzt selbständig aufsuchen zu können, gut mit einem Rollator oder einer Prothese zurecht zu kommen, die Blutzuckermessung selbst durchzuführen und deuten zu können oder Medikamente selbst einnehmen zu können

6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte:

    Beispielsweise die Fähigkeit haben, mit anderen Menschen in direkten Kontakt zu treten, den Tagesablauf selbstständig zu gestalten oder die Schachpartie ohne Hilfe zu besuchen.


Welche Geldleistungen gibt es?

An den neuen Pflegegraden sind folgende Geld- und Sachleistungen geknüpft:

– Pflegegrad 1

    Geldleistung ambulant: 125 EUR (zweckgebundene Kostenerstattung)
    Sachleistung ambulant:-
    Leistungsbetrag stationär: 125 EUR

– Pflegegrad 2

    Geldleistung ambulant: 316 EUR
    Sachleistung ambulant: 689 EUR
    Leistungsbetrag stationär: 770 EUR

– Pflegegrad 3

    Geldleistung ambulant: 545 EUR
    Sachleistung ambulant: 1.298 EUR
    Leistungsbetrag stationär: 1.262 EUR

– Pflegegrad 4

    Geldleistung ambulant: 728 EUR
    Sachleistung ambulant: 1.612 EUR
    Leistungsbetrag stationär: 1.775 EUR

– Pflegegrad 5

    Geldleistung ambulant: 901 EUR
    Sachleistung ambulant: 1.995 EUR
    Leistungsbetrag stationär: 2.005 EUR


Ausweitung von Pflegeberatung und Pflegekurse

Für jeden Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen wird die individuelle Pflegeberatung ausgeweitet. Bei entsprechender Kostenbeteiligung erhalten Kommunen über einen Zeitraum von 5 Jahren ein Initiativrecht zur Einrichtung von Pflegestützpunkten. Diese können künftig für eine Pflegeberatung Beratungsgutscheine einlösen, auch für Bezieher von Pflegegeld.

Finanzierung des Pflegereform

Die für das Vorhaben erforderlichen finanziellen Mittel werden z. T. durch eine Beitragserhöhung zur Pflegeversicherung sichergestellt. Danach ist der Beitrag ab 2017 um 0,2 Prozentpunkte angehoben worden. Jedoch werden diese Mehreinnahmen nicht ausreichen, um die Bestandsschutz- und Überleitungsregelungen zu bezahlen. Hierfür wird auf die in der Pflegeversicherung vorhandenen Rücklagen zurückgegriffen werden müssen. Sofern Kommunen bzw. Länder denselben Förderbeitrag aufbringen, stellt die Regierung bis zu 25 Mio. Euro für den Auf- und Ausbau von Angeboten zur Unterstützung und Entlastung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen im Alltag zur Verfügung. Zur Förderung kommunaler Netzwerke zur Unterstützung Pflegebedürftiger werden weitere 10 Mio. Euro in Aussicht gestellt.

Fazit zur großen Pflegereform 2017

Trotz der teilweise verbesserten Leistungen durch das neue Pflegestärkungsgesetz werden die Zahlungen nach wie vor kaum ausreichen, um die Kosten im Zusammenhang mit einer ambulanten Pflege oder einem Pflegeheimplatz finanzieren zu können. Daran werden auch die erhöhten Beitragssätze zur Pflegeversicherung kaum was ändern. Gerade ein Platz im Pflegeheim ist zumeist mit monatlichen Kosten von 2.500 bis 4.000 Euro verbunden. Um die entstehende Deckungslücke schließen und einen erhöhten Lebensstandard sichern zu können, führt somit an einer privaten Absicherung kein Weg vorbei.

Weiterführende Links:

www.pflegestaerkungsgesetz.de – Offizielle Seite des Bundesministeriums für Gesundheit zum Pflegestärkungsgesetz

Lassen Sie Ihren Pflegestatus kostenlos ermitteln. Einfach auf Link (Check Pflegebedürftigkeit) und Schnellanalyse anfordern.

 

 

Foto: fotolia.com / © Sir_Oliver